Reng: Ein vergessener Rhythmus, eine wiederbelebte Tradition
Was ist Reng?
Reng ist eine lebendige, instrumentale Form der persischen klassischen Musik, die traditionell für den Tanz komponiert wurde. Durch ihren charakteristischen 6/8-Takt war sie einst ein zentrales Element gesellschaftlicher und höfischer Zusammenkünfte, oft als letztes Stück aufgeführt, um alle zum Mitmachen und Feiern anzuregen. Anders als viele Formen der persischen Klassik, die Gedichte und Gesang in den Vordergrund stellen, ist Reng rein instrumental und setzt ganz auf Rhythmus und Melodie, um eine fröhliche, tanzbare Atmosphäre zu schaffen.
Während der Kadscharen-Ära (1789–1925) spielte Reng eine zentrale Rolle in der iranischen Unterhaltungslandschaft, von königlichen Höfen bis hin zu Dorffesten. Doch im Zuge der religiösen, kulturellen und politischen Umbrüche im Iran begann Rengs enge Verbindung zum Tanz ihre künstlerische Bedeutung zu überschatten, sodass diese Musikform allmählich aus dem öffentlichen Leben verschwand.
Warum verschwand Reng?
1. Religiöse und soziale Beschränkungen
In einer islamisch geprägten Gesellschaft wurde das Tanzen in der Öffentlichkeit zunehmend kritisch beäugt. Obwohl Reng keine Gesangstexte hat, geriet sie wegen ihrer Verbindung zur Bewegung ins Visier moralischer und religiöser Bedenken. Mit der Zeit setzten sich diese Normen fest – selbst Musikerinnen und Musiker, die nicht streng religiös waren, übernahmen die Vorbehalte gegenüber Tanzmusik.
Ich habe das schon als Kind erlebt. Mit etwa acht oder neun Jahren wurde ich aus meinem Santoor-Unterricht ausgeschlossen – nicht wegen schlechter Leistungen, sondern weil ich bei einer Familienfeier Tanzmusik gespielt hatte. Meine Lehrerin, selbst keine Muslimin, sondern Bahá’í, fand das dennoch unangemessen. Es dauerte lange, bis ich eine neue Lehrkraft fand, die bereit war, mich weiter zu unterrichten. Diese persönliche Erfahrung verdeutlicht, wie tief das Stigma gegen Tanzmusik in der Gesellschaft verankert war (und teils noch ist) – auch jenseits religiöser Grenzen.
2. Verwestlichung & kulturelle Umbrüche
Im späten 19. Jahrhundert durchlief Iran einen rasanten Verwestlichungsprozess, besonders unter Naser al-Din Schah, der von europäischer Kultur fasziniert war. Ballett und westliche klassische Musik galten als Zeichen von Modernität und Raffinesse, während man iranische Tanztraditionen und damit auch Reng zunehmend als rückständig betrachtete. So geriet Reng – einst ein prägender Teil der persischen Identität – mehr und mehr ins Abseits.
3. Fokus auf Gesang in der persischen klassischen Musik
Die persische Klassik legt großen Wert auf Poesie und Gesang. Da Reng instrumental und dem Tanz zugeordnet ist, wurde sie oft als „leichtere“ Musikform eingestuft und verlor dadurch in der formalisierten Musikausbildung und -aufführung zunehmend an Bedeutung.
4. Verbot von Tanz- und Unterhaltungsmusik nach 1979
Nach der Islamischen Revolution wurde öffentlicher Tanz offiziell verboten, und jede Form von Musik, die man damit in Verbindung brachte, streng zensiert. Viele Musiker sahen sich gezwungen, Reng zu meiden, um Repressalien zu entgehen, was diesen ursprünglich gefeierten Musikstil endgültig aus dem öffentlichen Bewusstsein verdrängte.
Warum spielen wir Reng heute Abend?
Das heutige Konzert ist mehr als nur eine Aufführung: Es ist eine Feier und ein kulturelles Gedenken. Reng ist nicht aus künstlerischer Schwäche verschwunden, sondern aufgrund historischer und ideologischer Umbrüche. Durch seine Wiederbelebung holen wir ein Stück persisches Erbe zurück, das einst für Freude, Zusammengehörigkeit und gemeinsames Erleben stand.
Auf persönlicher Ebene tue ich dies für das Kind in mir, dem man einst sagte, es sei falsch, fröhliche Musik zu spielen. Ich möchte diesem Kind – und allen hier – sagen: Es ist in Ordnung, glücklich zu sein und diese Freude mit anderen zu teilen.
Wir laden Sie ein, zuzuhören, den Rhythmus zu spüren und sich eine Zeit vorzustellen, in der persische Musik ebenso von Bewegung wie von Melodie lebte. Möge uns diese Darbietung helfen, das Verlorene wiederzuentdecken und das zu feiern, was uns geblieben ist.
English Version:
Reng: A Forgotten Rhythm, A Revived Tradition
What Is Reng?
Reng is a lively, instrumental form in Persian classical music, traditionally composed for dance. Its characteristic 6/8 meter once made it a centerpiece of social and courtly gatherings, often performed last to encourage everyone to move and celebrate. Unlike many Persian classical forms that highlight poetry and vocals, Reng is purely instrumental, weaving together rhythm and melody to create a joyful, danceable sound.
During the Qajar era (1789–1925), Reng enjoyed a central role in entertainment across Iran, from royal courts to community festivities. However, as religious, cultural, and political changes swept the country, Reng’s close association with dance began to overshadow its artistic merits, causing it to fade from public life.
Why Did Reng Disappear?
1. Religious and Social Restrictions
In an Islamicized society, dance in public settings became increasingly controversial. Although Reng has no lyrics, its link to the movement made it a target of moral and religious scrutiny. Over time, these norms became ingrained in everyday life—even musicians who were not devoutly religious came to view dance music with suspicion.
I experienced this firsthand as a child. At eight or nine years old, I was expelled from my Santoor class—not for poor performance, but because I had played dance music at a family gathering. My teacher, though not Muslim but Bahá’í, still felt that dance music was inappropriate. It took me a long time to find another teacher willing to continue my lessons. This personal setback reflects how deeply stigma can affect the arts, even beyond strictly religious circles.
2. Westernization & Cultural Shifts
In the late 19th century, Iran underwent rapid Westernization, particularly under Naser al-Din Shah, who was fascinated by European culture. Ballet and Western classical music became symbols of modernity and sophistication, leading many Iranians to dismiss their dance traditions as outdated. Reng, once a vibrant part of Persian identity, was increasingly pushed aside.
3. Focus on Vocals in Persian Classical Music
Persian classical music places immense value on poetry and vocal performance. Since Reng is instrumental and designed for dance, it was often seen as “light” or less important than vocal-centric forms, accelerating its decline in formal musical education and performance.
4. Post-1979 Ban on Dance and Entertainment Music
After the Islamic Revolution, public dance was officially banned, and any music associated with dance was strictly censored. Many musicians stopped performing Reng to avoid repercussions, effectively wiping this once-celebrated form from the public sphere.
Why Are We Performing Reng Tonight?
Tonight’s concert is both a celebration and a form of cultural remembrance. Reng did not vanish due to a lack of artistic depth—it was silenced by history and changing ideologies. By reviving Reng, we reclaim a piece of Persian heritage that once symbolized joy, unity, and communal expression.
On a personal note, I do this for the child in me who was once told that playing joyful music was wrong. I want to tell that kid—and everyone here—that it is okay to be happy, and it is okay to share that happiness through music.
We invite you to listen, feel the rhythm, and imagine a time when Persian music was as much about movement as melody. May tonight’s performance help us reconnect with what was lost—and celebrate what remains.